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Prof. Dr. phil. habil. Clemens Thaer (1883-1974)
weitere Themen: Prof. Dr. Schmidt

Foto von Clemens Thaer
Studienrat am Friedrich-Ludwig-Jahn-Gymnasium in Greifswald (1921 - 1935)
Professor an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität in Greifswald (1913 - 1935)


1883 Am 8. Dezember in Berlin geboren, Schulzeit in Berlin, Halle, Hamburg
1901 Abitur in Hamburg, Beginn des Studiums in Giessen, in den Fächern Mathematik, Physik und Philosophie
1906 Doktorexamen in Giessen, Mitarbeit am Lehrbuch v. Moritz Pasch
1907 Assistent in Jena, erste Lehraufträge
1909 Habilitation in Jena
1911 Ehe mit Gertrud Pasch
1913 Dozent in Greifswald
1916 Kriegsfreiwilliger, danach Professor in Greifswald
1918 Mitglied und Abgeordneter der DVP im preußischen Landtag
1921 Studienrat am Greifswalder Gymnasium
1929 Tod der Ehefrau, 2. Ehe mit Elfriede Medenwald
1933 Öffentliches Eintreten für die deutschen Juden
1935 In der Schulandacht Ehrung für entlassenen Direktor Dr. Schmidt, dafür Geldstrafe und Strafversetzung nach Cammin, Ende der Vorlesungen an der Universität
1939 Vorzeitige Versetzung in den Ruhestand, Umzug nach Detmold
1974 Am 2. Januar Tod in Detmold


Ausführlicher Lebenslauf:

Clemens Thaer wurde am 8. Dezember 1883 in Berlin geboren. Er hatte noch drei Brüder und eine Schwester. Seine Schulzeit absolvierte Clemens Thaer in Berlin, Halle und Hamburg. Dort war sein Vater Oberstudiendirektor und Mathematiklehrer.
1901 bestand Clemens Thaer in Hamburg das Abitur und fing danach ein Studium der Mathematik und Physik in Giessen an. Dort wurde der angesehene Mathematiker Moritz Pasch auf ihn aufmerksam. Aus ihrer Zusammenarbeit ging ein Lehrbuch über Analysis hervor.
Im Herbst 1906 bestand Clemens Thaer sein Doktorexamen. 1907 bekam er eine feste Anstellung als wissenschaftlicher Assistent in Jena. Bald konnte er auch selber Vorlesungen halten. Und schon 1909 reichte er seine Habilitationsschrift zur Gleichungstheorie von Galois, einem modernen Kapitel der Algebra, ein. 1911 heiratete er Gertrud Pasch, die Tochter seines Lehrers. Kurz darauf wurden die Söhne Albrecht und Rudolf geboren.

Da am Institut von Jena keine Möglichkeit bestand, als Hochschullehrer zu bleiben, nahm er 1913 ein Angebot aus Greifswald an, dort als Dozent zu lehren. Seine Wohnung befand sich in der Gützkower Straße 1. Von Anfang an war sein Vorlesungsprogramm sehr umfangreich.
Trotz eines Herzfehlers ging er 1916 als Kriegsfreiwilliger an die Front, wurde aber bald zurückgestellt. Ab 1917 nahm er seine Lehrtätigkeit wieder auf. Noch während des Krieges hatte er seinen Professorentitel bekommen. In diesen Jahren wurde auch seine Tochter Marie Anna geboren. Seine pädagogischen Fähigkeiten bewies Thaer in einem dritten Semester, das am Ende des Krieges eingerichtet wurde, um Kriegsteilnehmern den Anschluß an die Hauptvorlesungen zu ermöglichen.
Nach dem Zusammenbruch Deutschlands begann er, sich stark politisch zu engagieren. Als Mitglied der DVP kandidierte er für den Preußischen Landtag und wurde in die verfassungsgebende Versammlung gewählt.
1920 entschloss er sich, in den Schuldienst zu wechseln. Neben seiner Abgeordnetentätigkeit trat er als Referendar in ein Berliner Gymnasium ein und absolvierte Anfang September die Assessorprüfung. Danach wurde er als Studienrat am Greifswalder Gymnasium angestellt.
Er hielt aber weiterhin Vorlesungen an der Universität. Er lebte sich in das Kollegium ein und gewann seinen Beruf lieb.
Nach langem Leiden starb 1929 seine Frau Gertrud. Er heiratete noch einmal, seine zweite Frau Elfriede Medenwald bekam 1931 einen Sohn, Wilhelm. Damals begann er auch die Übersetzung der "Elemente von Euklid", die ihm oft als Ablenkung diente und ihm nach 9-jähriger Arbeit große Anerkennung einbrachte.

Am 8. April 1933 organisierte er eine Versammlung und setzte sich in seiner Rede für die deutschen Juden ein. Damit schuf er sich viele Feinde. Außerdem lehnte er es brüsk ab, in den NS-Lehrerbund einzutreten. Der Schulobmann empfahl daraufhin, ihn als Abschreckung für andere Lehrer in ein KZ einzuweisen. Zum Glück fand er kein Gehör.
Trotz dieses Vorfalls blieb Thaers demokratische Gesinnung ungebrochen. Dies bewies er am 6. Mai 1935, als er in der Schulandacht den entlassenen Direktor Dr. Schmidt, der sich mit der Hitler-Jugend angelegt hatte, ehrte und in Schutz nahm. Als Grund benannte er:

"Als nach den Osterferien 1935 der Direktor nicht wieder erschien, (...) musste der Eindruck auf die Schüler der furchtbare sein, dass hier heimlich schweres Unrecht geschehe und von den Berufenen kein einziger den Mut habe, auch nur ein einfaches Wort des Dankes auszusprechen."
Als überzeugter Lehrer fühlte er sich verantwortlich, dieses Unrecht zu kommentieren. Die Antwort auf seine Rede bekam er am 20. Juli 1935: 300 Mark Geldstrafe und Strafversetzung nach Cammin. Eine neue Heimat fand er dort aber nicht. Außerdem bekam er erneut Schwierigkeiten mit der NSDAP. Schließlich musste er im Dezember 1939 in den Ruhestand treten, viel zu früh für den begeisterten Lehrer, der er immer gewesen war.

In diesen Jahren beendete er auch die Übersetzung der "Elemente von Euklid", sie sind in 5 Bänden der Reihe "Ostwalds Klassiker der exakten Wissenschaften" erschienen.
Clemens Thaer zog noch mehrmals um und versuchte, wieder unterrichten zu dürfen. Nach dem erneuten Zusammenbruch Deutschlands richtete er seinen Blick in die Zukunft. Er konnte wenigstens zeitweise wieder Mathematik lehren, unter anderem 5 Jahre in Hohenwerda.
Als erfahrener Lehrer versuchte er, der Jugend neuen Mut zu geben und sie auf die Aufgaben der Zukunft vorzubereiten. Sein wissenschaftliches Werk rundete er in späten Jahren noch durch manchen Beitrag ab. Am 8. Dezember 1973 beging Clemens Thaer im Kreis seiner großen Familie seinen 90. Geburtstag.
Er konnte auf ein erfülltes Leben zurückblicken: Seine Vorlesungen in Jena und Greifswald erstreckten sich über 40 Semester, er unterrichtete 15 Jahre erfolgreich am Friedrich-Ludwig-Jahn-Gymnasium in Greifswald (Mathematik, Chemie und Astronomie) und noch weitere 13 Jahre in Cammin, Spiekeroog und Hohenwerda. Über 20 wissenschaftliche Arbeiten wurden in Fachzeitschriften veröffentlicht und für seine Euklid- Forschung hatte er sogar die arabische Sprache gelernt.
Bei ihm waren Leben und Lehren eine Einheit. Durch seine Darstellung der Materie hat er den Schülern viel beigebracht und schaffte es oft auch, das wissenschaftliche Interesse der Schüler zu wecken. Obwohl er nicht auf Autorität bedacht war, gab es bei ihm keine disziplinären Schwierigkeiten.
Clemens Thaer starb am 2. Januar 1974 in Detmold.

Gedenktafel
An unserer Schule wird er aber nicht vergessen werden. Dafür sorgt unter anderem diese Gedenktafel, die am Gebäude I hängt. Außerdem gibt es einen Clemens-Thaer-Preis, der jedes Jahr für das beste Mathe-Abitur verliehen wird.

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© 2000 Matthias Döll, 1997 Johannes Ruthenberg
Quelle:
"Bericht über Studienrat Prof. Dr. Clemens Thaer" von Prof. Dr. Joachim Buhrow aus: "Biographien von hervorragenden Lehrern und Schülern am staatlichen Gymnasium in Greifswald" Heft 1 (1997)